Erotik an der Supermarktkasse und eine Welt ohne Lüge

Beim 14. Rheinhexenslam im voll besetzten Pfarrzentrum gewann der Remscheider Jan Möbus in einem Herzschlagfinale mit der 19-jährigen Medyia Mahmood den Hexenturm aus Silber.

180 Gäste, darunter etwa ein Drittel „Neulinge“, waren dem guten Ruf des Rheinhexenslams gefolgt. Sie erlebten einen Moderator Lasse Samström in Bestform, der für seine fünf Teilnehmehmer erstmals selbst das „Opferlamm“ gab und vorweg einen seiner preisgekrönten Schüttelprosatexte zum Besten gab: „Die letzten drei Sekunden“ oder „lie detzten sei Drekunden“. Und dann führte er zügig durch das Programm, das mit einem running gag begann. Denn Sascha „Sushi“ Matesic war in der Vergangenheit mehrfach angekündigt worden. Diesmal war der Düsseldorfer auch wirklich gekommen und zeigte direkt leidenschaftliche Slam-Poetry zum Thema Rassismus (45 P.).

Die einzige Frau im Feld, Medyia Mahmood, erzählte sehr sympathisch, dass sie sozusagen direkt von der Abi-Klausur in Hagen in den Zug gesprungen sei. Die NRW-U20-Senkrechtstarterin feuerte extrem lustige „Was-man-nach-dem-Abi-so-machen-soll“-Kaskaden auf das Publikum ab und bekam die erste 10 des Abends und sehr gute 47 Punkte. Florian Stein aus Essen slammte lautstark über sein Leben ohne Handy aber mit Liebe zur Poesie (43 P.). Michael Schumacher aus Xanten bewies, das gute Slam-Poetry keine Frage des Alters ist (42,5 P.) Der Remscheider Jan Möbus legte einen fulminanten Auftritt hin und rappte  sich auf den zweiten Platz der Hinrunde (46 P.).

Nach der Pause setzte er mit einem brillanten Text über erotisches Kopfkino an der Supermarktkasse noch einen drauf, bekam die Höchstwertung des Abends (49 P.) und setzte sich an die Spitze des Feldes. Michael Schumacher betrieb eine herrliche Exegese des (nieder)rheinisches 9-Wort-Dialogs „Wie jäd et? – Jot! - Un selvs? - Muss! – Na, dann!“ (45 P.) Florian Stein hatte „keine Lust mehr zu funktionieren“ und bekam dafür viel Applaus und 45,5 Punkte. Medyias recht deftiger Text „Ich bin eine Schlampe“ sicherte ihr 46 Punkte und den zweiten Platz.

Nachdem Sushi noch mit einem inbrünstigen Auftritt seine Hassliebe zu Düsseldorf beschrieben hatte, kam es zum Finale. Medyia Mahmood wählte einen erst zwei Tage alten Text  über einen missratenen Montag und das klang dann etwa so: „Ich fühle mich wie diese Rosine aus meinem Müsli, oder ist es nur ein Fussel? Egal, rein damit, mein Körper ist ein Endlager.“ Der erfahrene Jan Möbus malte in „Die Wahrheit“ zwischen Komik und Ernst pendelnd den Schrecken einer Welt ohne Lüge an die Wand: „Mein Entsafter ist in Wahrheit gar nicht energiesparend. Ich werfe ihn aus dem Fenster und rufe ihm hinterher: Lügenpresse!“

Die folgende Applausabstimmung war knapp wie selten. Erst in der dritten Wiederholung, beim stummen Wedeln mit den Händen (Lasse Samström: „Das machen wir jetzt immer so!“) stand Jan Möbus als Sieger fest. Den Hexenturm aus Silber schenkte er großzügig seiner unterlegenen Mitfinalistin und beschied sich mit einer Literflasche Rheinbacher Brauhausbier. Die Veranstalter von RHEINBACH LIEST freuten sich mit ihren Kooperationspartnern, der Öffentlichen Bücherei St. Martin und der Buchhandlung Kayser über großzügige Getränkespenden, die einer Bibliotheksveranstaltung beim Lesefest SEITENKNISTERN im April zugutekommen sollen.

Schon vormerken - den Termin für den 15. Rheinhexenslam: 20.05.2016

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