Dieses Publikum macht Lieder besser

Beim Rheinbacher LiedStrich in Clubatmosphäre waren diesmal vor allem die leisen Töne gefragt.

Der junge Songwriter Tilman Ringer blickt konzentriert auf sein Keyboard. Gerade hat er seinem Stück „creation“ einen weiteren Klang hinzugefügt, nun singt er verschiedene Hintergrundstimmen, die er mit gut getimten Fußtritten auf seine Loopstation einsteuert. Wie ein Hexenmeister der Musik webt er immer neue Fäden in den faszinierend auf- und abschwellenden Klangteppich. Seiner Gitarre entlockt er durch Zupfen, Reiben und Klopfen ungeahnte Töne. Eine Handy-App spielt ebenfalls mit und ein elektronisches Schlagzeug. Das Publikum ist gleichermaßen von dem Musikstück als auch von seiner Erstellung, live und einmalig, gebannt. Am Ende glaubt man ein ganzes Orchester zu hören. Das klingt derart professionell, das man es kaum glaubt: Der Gewinner von 2014 des renommierten Toys 2Master Nachwuchswettbewerbs  studiert in einem anderen Leben Agrarwissenschaften in Bonn. Loop-Stations sind beim Rheinbacher Singer-Songwriter-Format LiedStrich nicht neu, doch so eine ausgefallene Performance hat man hier noch nicht erlebt.

Ebenso faszinierend, aber viel reduzierter sind die Arrangements der 21-jährigen Nicole Piontek. Die scheu wirkende Mönchengladbacherin studiert in Bonn Musikwissenschaften und traut sich erst seit Jahresbeginn auf die Bühne, obschon sie bereits seit fünf Jahren Lieder macht. Mit geschlossenen Augen und völlig in sich gekehrt singt sie in zart brechendem Sopran ihre Songs. Herausragend sicher das einzige auf Deutsch vorgetragene „Das Richtige“. „Ich bin nicht so gut im Reden“, sagt sie entschuldigend und fängt direkt das nächste Stück an. Der Kontakt zum Publikum geschieht also nur durch die Intensität ihrer Lieder und verschafft ihr am Ende trotzdem die meisten „Krötentaler“ und somit die Ehre der Zugabe.

Tobias Rotsch aus Duisburg, ist von Beruf Musikpädagogen und tritt nach vielen Bandprojekten nun erstmals als Solokünstler auf. Hier nennt er sich „Wolfspelz“, „weil in dem Namen viel von mir steckt“. Er singt ausschließlich auf Deutsch und seine Texte wirken besonders tief und authentisch. Seine ruhige und oft melancholische Art und sein unaufdringliches Pianospiel verlangen vom Publikum konzentriertes Zuhören. Und tatsächlich: Die knapp 40 Gäste und Fans an kleinen Bistrotischen lassen bei viel Kerzenlicht noch nicht einmal eine Nadel fallen. Man spürt förmlich die Verbindung, die zwischen ihm und dem Publikum entsteht. „Die Energie, die in Eurem Zuhören steckt, lässt mich  meine Lieder besser singen“, schwärmt „Wolfspelz“.

Zur Qualität des LiedStrichs gehört auch eine perfekte Technik. Harvey Scherer von 4events leistet an diesem Abend wieder Außerordentliches bei Licht und Ton. Jeder Künstler bekommt seine eigene Bühnenfarbe, die Musik kommt satt, warm und nie aufdringlich aus den Boxen. Die Aura der erhabenen Schulaula tut ihr Übriges. „Mit dem LiedStrich bereichert RHEINBACH LIEST die Kulturlandschaft in Rheinbach“, schwärmt eine Besucherin. Ein Stammgast: „Heute war es etwas spezieller, aber künstlerisch war dieser LiedStrich sicherlich der beste.“

Moderatorin Anke Fuchs hatte alle  Künstler schon live erlebt und nach Rheinbach eingeladen. „Jeder LiedStrich ist anders, denn durch die Mischung der Auftretenden entsteht ein einzigartiger Abend“, erklärt die Bonner Netzwerkerin ins Sachen Poetry und Liedermachen. Den nächsten Termin sollte man sich schon vormerken. Am 19. November kommen u.a. die Kabarettistin Dagmar Schönleber aus Köln sowie der Songpoet  Ijaz Ali aus Bad Hönnigen. Und vielleicht klappt es dann auch wieder mit einem jungen „local hero“.

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