Mit Gedichten groß werden

Bei HERZKLOPFEN „on stage“ im Stadttheater präsentieren insgesamt 23 junge Preisträger des Rheinbacher Lyrik-Wettbewerbs vor 180 Besuchern ihre Gedichte und werden feierlich geehrt.

„Auf dieser Bühne kann keiner von links nach rechts gehen, ohne Applaus zu bekommen. Die alten Bretter hier knarren sonst zu laut“, erklärt Julius Esser (27) dem Publikum so ernsthaft wie möglich. Selbiges gehorcht  zurückhaltend, aber nach einer Wiederholung klappt es dann mit dem geforderten  „tosenden, donnernden Klatschen“. Der Poetry-Slammer, der die Gedichte-Gala zusammen mit SGR-Schülersprecherin Mara Kuprat (17) locker und zugleich würdig moderiert, macht den Preisträgern der Altersgruppe I (bis 12 Jahre)  vor, wie man zum Mikrophon geht, den Applaus und die anschließende Stille abwartet, um sein Gedicht zu sprechen. In seinem Fall  ist es ein humorvoller Sechszeiler über das Flussbett des Rheins, das bei Ebay zum Verkauf angeboten wird. Die beiden jüngsten Preisträgerinnen Clara Rosenbrock und Emely Bures (8 und 9 Jahre) von der Grundschule St. Martin tun es ihm nach und tragen selbstbewusst vor, wofür ihr Herz schlägt. Schlussstrophe: „Fußball – meine Leidenschaft / Fußball – das, was zu mir passt / Fußball – ohne geht es nicht / Fußball – für dich dies Gedicht“.

Das anschließende Überreichen eines Einkaufsgutscheins (Buchhandlung Kayser und Büromarkt Engler) als Preis übernimmt der Schirmherr des Herzklopfen-Projekts, Rheinbachs Bürgermeister Stefan Raetz, persönlich. Er erinnert an die drei Wochen, in denen die weit über 200 Gedichte von Schülerinnen und Schülern bis 22 Jahre in rund 140 Schaufenstern von Geschäften und Institutionen der Innenstadt ausgestellt waren: „Als Bürgermeister bin ich stolz auf Euch und froh, auf ganz spezielle Art zu erfahren, was euch beschäftigt.“

Die Vielfalt der Themen und die unterschiedlichen Persönlichkeiten ihrer Verfasser sind es dann auch, die den Reiz des Abends ausmachen. Simon Lang (11) vom Städtischen Gymnasium (SGR) bekommt den 1. Platz der Jury mit einem Gedicht über Freundschaft und teilt ihn sich mit Javid Farhumand (10) von der Grundschule Sürster Weg, der in seinem Gedicht „Drachenangst“ höchst kunstvoll über die unterschiedlichen Drachen spricht: „Ich habe Angst vor Drachen / sie sind’s ein wild Getier […] Ich liebe Drachen, wirklich, sind sie nur aus Papier. […]“

Auch in der Altersgruppe II (13 bis 15 Jahre) ist die Qualität hoch, die Inhalte verändern sich, und nun geben die Mädchen den zunehmend leidenschaftlichen Ton an. Die Preise übergeben hier die Jury-Mitglieder Daniela Hahn, Leiterin der Öffentlichen Bücherei St. Martin und der Inhaber der Buchhandlung Kayser, Christoph Ahrweiler. Amy Briesemann (14), Neuntklässlerin vom Sankt-Joseph-Gymnasium, erreicht die ersten drei Plätze in der Publikumswertung. Sie beginnt beispielsweise einen Text mit dem kraftvollen Satz: „Und wenn du nicht mehr schwimmen kannst, dann schwimm ich für uns beide …“ Sophia Olbrich (13, SJG) nimmt zudem den Sonderpreis der Buchhandlung Kayser entgegen – für einen  eindrucksvoll gesprochenen Text über ihre Liebe zu Büchern und der Buchhandlung: „Ich werde kommen und euch lesen, Buch für Buch.“ Einer der Höhepunkte des Abends ist der Auftritt der Jury-Ersten Lara Schmidt (15) vom Städtischen Gymnasium. Sie hat sich von der Slam-Poetin Julia Engelmann inspirieren lassen und spricht ihren Text in dem für Slam-Poetry typischen zeilenbrechenden Rhythmus. Kostprobe: „[…] und ich gehe nach vorne, aber schaue zurück, und ich weiß doch so viel, wieso nichts über Glück?“

Das altersmäßig bunt gemischte Publikum geht voll mit. Immer wieder wechselt konzentrierte Stille beim Zuhören mit frenetischem Jubel. Die so Geehrten strahlen vor Glück. Gut möglich, dass Lara mit ihrem Auftritt wiederum jüngere Teilnehmer und Besucher zum Schreiben und gekonntem Performen anregen wird. Auf welchem Weg man zum Schreiben kommt, darüber wird in den kurzen Interviewrunden mehrfach gesprochen. Öfter fällt der Satz: „Unsere Deutschlehrerin wollte, dass wir im Unterricht ein Gedicht schreiben …“ Julius Esser kommentiert: „Na, da scheint der ja gar nicht so schlecht zu sein …“

In der Altersgruppe III teilen sich drei junge Frauen vom Städtischen Gymnasium die Preise. Überreicht werden sie diesmal von Kulturamtsleiterin Dr. Ruth Fabritius, Jury-Mitglied und Mitveranstalterin sowie Autorin Heidi Möhker aus dem HERZKLOPFEN-Team von RHEINBACH LIEST. Nurhan Yorulmaz (17) mit „Die Mutter Syriens“ gewinnt den Publikumspreis und den zweiten Platz der Jury-Wertung. Paula Rosenthal (17), 3. Platz der Jury, trägt ihren bewegenden Text „Der Farbtupfer und ich“ über unerwiderte Zuneigung so gekonnt und gleichzeitig authentisch vor, dass ein weiterer Gänsehautmoment entsteht. Nora König (18), frischgebackene Abiturientin, schafft das Kunststück, mit ihren drei eingesandten Gedichten den fünften, zweiten und ersten Platz der Jury zu belegen. Sie ist wie Paula schon mehrfach bei der TextProbe von RHEINBACH LIEST gewesen und konnte auf einen reichen Fundus eigener Lyrik zurückgreifen. Dass ihr Gedicht „Freundschaft“ den ersten Preis der Jury bekommt, damit überrascht Mara Kuprat sie auf der Bühne.

Bunt machen den Abend auch die fremdsprachigen Gedichte (1. Platz für „Spring“, Marie Wagenfeld, 15) sowie das Rahmenprogramm mit einer rasanten Aufführung der Zirkus-AG des SGR und viel Musik, darunter ein Gesangssolo von Hannah Grüne, begleitet von Franziska Blitsch am Klavier, der erst 11-jährige Florian Plücker mit einer eindrucksvollen Klavierimprovisation und der Kinderchor der Musikschule Voreifel unter Leitung von Dorothea Finke mit stimmlicher Verstärkung aus der KGS Merzbach. Als Philipp Weber (22) gegen 20:30 Uhr für alle Teilnehmer auf der Bühne Marc Fosters „Wir sind groß“ singt, trifft er bei den glücklichen Kindern und Jugendlichen genau das vorherrschende Gefühl. RL-Vorsitzende Monika Flieger ermutigt sie: „Schreibt bitte weiter!“ – und kündigt in ihren Dankesworten noch die Erstellung der Preisträger-Broschüre an: Trotz einer Spende der Kreissparkasse Köln „brauchen wir dafür noch ein bisschen Geld“.

 

Die Preisträger

HERZKLOPFEN „on stage“

Am Freitag, den 9. Juni um 18:00 Uhr kommen die schönsten Gedichte aus dem Rheinbacher Lyrikwettbewerb HERZKLOPFEN auf die Bühne des Stadttheaters.

Über 200 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der elf Rheinbacher Schulen hatten in diesem Frühjahr Gedichte eingereicht und zu der Frage Stellung genommen: „Wofür schlägt dein Herz?“. Drei Wochen lang waren die Texte in den Geschäften der Innenstadt ausgestellt. Die Fachjury um Autorin Heidi Möhker und Kulturamtsleiterin Dr. Ruth Fabritius sowie tausende Besucher haben die für sie schönsten Gedichte in den drei Altersgruppen ausgewählt. Zusammen mit ihren Verfassern werden sie nun bei HERZKLOPFEN „on stage“ präsentiert und geehrt.

Durch den Abend führen der 27-jährige Poetry-Slammer Julius Esser und die 17-jährige Mara Kuprat von der Schülervertretung des Städtischen Gymnasiums. Esser verspricht: „Das wird unterhaltsam. Ich bin ein Freund von selbst geschriebener Poesie und freue mich, dass die Autorinnen und Autoren ihre Texte fast ausnahmslos selbst vortragen werden.“ Heidi Möhker, die für RHEINBACH LIEST den Gedichtwettbewerb koordiniert hat: „Ich bin gespannt darauf, viele junge Menschen kennenzulernen, die uns mit ihren Gedichten so berührt haben.“ Schirmherr Bürgermeister Stefan Raetz ist „wieder einmal einfach nur stolz auf das, was in Rheinbach von unserem Nachwuchs auf die Beine gestellt wird.“

Für zwei Stunden gute Unterhaltung und reichlich Herzklopfen sorgen darüber hinaus nicht nur zahlreiche musikalische Beiträge aus Pop und Klassik vom künstlerischen Nachwuchs der Schulen und der Musikschule Voreifel. Auch die Zirkus-AG des Städtischen Gymnasiums will Bühnenmagie verbreiten. In der Pause wird für das leibliche Wohl gesorgt. Dank einer Spende der Kreissparkasse Köln und des besonderen Einsatzes des Rheinbacher Kulturamts ist der Eintritt frei. Spenden für das Herzklopfen-Projekt und die literarische Nachwuchsarbeit von RHEINBACH LIEST e.V. werden erbeten.

made by adfacts . integrierte Kommunikation KG